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Fremdgehen? Machen doch eh alle…

Verfasst von Marcus am August 14, 2008

Susanna und Marcel hatten einen Code vereinbart: Geht einer fremd, schickt er dem anderen eine Rose. Spätestens am Monatsende. Damit er nicht ewig über die richtigen Worte nachdenken muss und es vor sich her schiebt und am Ende ganz verschweigt. Clevere Regel, eigentlich. Bis Marcel nach zwei Jahren Schluss machte und am nächsten Tag die dicke Box vor seiner Tür fand. Da waren Rosen drin. Gleich fünf.

Mit dem Seitensprung des Partners ist es wie mit Blitzschlägen oder Lebensmittelvergiftungen: Es kann jeden treffen, aber jeder denkt, dass es nur anderen passiert. Dabei gibt es keinen Grund für diese Annahme: Jeder zweite deutsche Mann ist in seinem Leben schon fremdgegangen. Inzwischen auch fast jede zweite Frau.
Besonders hoch ist das Risiko in Berlin. Das hat die Seitensprung-Plattform Firstaffair.de ausgerechnet. Sie hat ihre 500.000 Mitglieder nach Orten sortiert und auf die jeweilige Einwohnerzahl umgerechnet, heraus kam der „Seitensprung-Aktivitätsindex“. Berlin führt vor Hamburg und Bremen.

Als ob die fragwürdige Auszeichnung „Singlehauptstadt“ nicht reichen würde – die wenigen festen Paare, die hier leben, turnen auch noch heimlich durch fremde Betten. Gibt es überhaupt noch normale, funktionierende Beziehungen? „Endlich einmal etwas, das länger als vier Jahre hält“, hat Thees Uhlmann gesungen. Und damit die Beziehung zu seinem Hund gemeint. Das Tier wurde später vom Auto überfahren, aber der Grundgedanke stimmte wohl.
Warum Menschen fremd gehen, darüber streiten Biologen, Beziehungsforscher und Psychologen weiterhin verbittert. Für die einen bleibt es Evolutionsdruck: Männer müssen Spermien streuen, Frauen suchen instinktiv nach dem besten Genmaterial für ihren Nachwuchs. Deshalb gehen Frauen an fruchtbaren Tagen häufiger fremd. Dann gibt es die These, dass Untreue ein Ausdruck von Kreativität sei, als Beispiele mussten schaffens- und fremdgehfreudige Genies wie Einstein, Picasso und Charlie Chaplin herhalten. Der Braunschweiger Psychologe Christoph Kröger hat eine andere Erklärung. Für ihn hängt der Seitensprung nicht von den Genen ab, sondern von den Umständen. Soll heißen: Fast jeder geht fremd, wenn er die Gelegenheit dazu hat.

Soll heißen: Fast jeder kann zum Fremdgänger werden, wenn er nur die Gelegenheit bekommt.
Und Gelegenheiten hat man in Berlin ständig. Überall trifft man Singles, die selbst kein schlechtes Gewissen fürchten müssen. An der Kletterwand im Volkspark Friedrichshain, im Yogakurs auf der Matte nebenan, in Videotheken, Proseminaren und unten im Keller des Café Morgenrot am Kicker. „Spielst Du lieber vorne oder hinten?“

Sie sitzen spätnachts im Kiki Blofeld am Lagerfeuer, sie warten in der langen Schlange vorm Watergate, stehen bei Bistro Bagdad am Schlesischen Tor für Lamm-Döner an. Zu jeder guten WG-Party gehört ein attraktiver Single, der in der Küche die Weinflasche nicht alleine aufkriegt. Selbst frühmorgens nach einer durchfeierten Nacht vor der Tischtennisplatte am Helmholtzplatz stehen die Chancen nicht schlecht, dass schon jemand da ist und  gerne ein Runde mitspielt.

Wer sich einmal zwei Tage Zeit nimmt und seine Freunde nach ihren Seitensprüngen befragt und ihnen anbietet, dass sie sich auch einen schönen Vornamen aussuchen dürfen für den Artikel im Stadtmagazin, der wird staunen. Über die vielen guten Gründe, die es gibt, warum ein Fremdgänger im Grunde kein Täter, sondern Opfer ist. Warum er zum Seitensprung quasi gezwungen wurde. Max hat Füsun zwar betrogen, aber nur einmal und außerdem nach so viel Gin Tonic, dass er kaum etwas mitbekam. Anna war im Urlaub und ihre besten Freundinnen haben es auch getan. Kaja wollte sowieso Schluss machen. Kai wollte wissen, wie Männer küssen. Benedikt ist mit der Fremden nachts durch den Regen gelaufen – „kannst du dir vorstellen, wie romantisch das war?“ Jan-Phillipps Affäre hatte diesen extrem gut geformten Busen. Imke hatte jemand was ins Glas gekippt, glaubt sie. Und Carmen hatte bloß Analsex. Das ist kein richtiger Geschlechtsverkehr, das zählt also nicht, sagt sie. Wenn es doch offensichtlich so schwierig ist, monogam zu bleiben, warum werden wir mit dieser Aufgabe alleine gelassen? Es gibt zwar TV-Shows zum Kochen, Wohnungeinrichten und Gören-Erziehen, aber keine zum Treubleiben. Wo ist Enie van de Meiklokjes, wenn man sie braucht? Früher konnte man noch auf Positivbeispiele im Tierreich verweisen. Da gab es Vogelarten, von denen man glaubte, dass sie monogam leben. Meisen, Zaunkönige, Möwen, Krähen. Seit Wissenschaftler im großen Stil DNA-Analysen durchführen, ist von dem Idealbild nichts mehr übrig geblieben. Die Zwergpinguine zum Beispiel galten als Musterbeispiele für lebenslange Treue. Jetzt weiß man: Sie gehen zur Paarungszeit bis zu vier mal fremd – an einem einzigen Tag.

Vom Menschen nimmt man an, dass er sich in andere hineinversetzen kann. Und dass er sich bewusst ist, wie schmerzhaft der Seitensprung für den Partner sein wird, wenn er davon erfährt. Für 90 Prozent der Männer und 95 Prozent der Frauen ist es Grundvoraussetzung ihrer Beziehung, selbst nicht betrogen zu werden. Sind Fremdgänger skrupellos oder bedeuten ihnen ihre Partner so wenig?

Thomas Bahner müsste es wissen. Er ist Veteran im Fremdgeh-Business, seit 13 Jahren betreibt er die „Erste Berliner Seitensprungagentur“. Verkuppelt Sexsuchende, ganz diskret natürlich. Der Mann weiß hoffentlich Bescheid. Wir treffen uns im Steakhaus am Theodor-Heuss-Platz. Bahner ist 54, trägt Bluejeans und hat noch den Handy-Freisprechknopf im Ohr. Er arbeitet nebenher in der Werbebranche. Mit seinen Sex-Kunden ist es so, sagt er: Die meisten Fremdgänger hängen sehr an ihren Beziehungen. Und die Männer haben oft so große Schuldgefühle, dass sie ihm schon beim ersten Telefongespräch unbedingt erzählen wollen, was zu Hause schief läuft. Meistens stimmt der Sex nicht. Die Frauen kommen, weil sie sich nicht begehrt fühlen. Nicht genug umworben werden. Keine Komplimente bekommen. Sowas passiert nicht erst nach zehn Jahren Ehe, sagt Bahner. Er selbst hat übrigens keine Schuldgefühle. Seitensprünge können manchmal helfen, Beziehungen zu stabilisieren, sagt er. Und außerdem sei es Geschäft. Früher hat Thomas Bahner selbst an ewige Treue geglaubt. Dann betrog er seine Frau, und die Ehe ging kaputt. Inzwischen ist er zum zweiten Mal verheiratet. Einen Ring trägt er aber nicht. Das ist bei ihm ganz merkwürdig, sagt er. Sobald er Schmuck anziehe, verfärbe sich seine Haut  schwarz. Das habe ihm noch keiner erklären können, woran das liegt. Einmal wollte Thomas Bahner expandieren, seinen Service im großen Stil auch in München anbieten. Das hat er schnell aufgegeben. Es haben sich einfach zu wenig Frauen gemeldet. In Berlin war das nie ein Problem. Die Gegenseite hat auch aufgerüstet. Wer seinem Partner misstraut, kann sich an Treuetest-Agenturen wenden und ihm einen Lockvogel auf den Hals hetzen. Gibt der Geprüfte seine Telefonnummer heraus, ist er durchgefallen. Jeder zweite macht es. Die Firma Treue-test.com, eine der Großen in der Branche, hat bundesweit 100 Lockvögel im Einsatz. 60 davon arbeiten im Großraum Berlin. War ja klar.

Wer keine 250 Euro für den Lockvogel ausgeben möchte, muss selbst auf Spurensuche gehen. Da gibt es diesen kalligrafischen Test: Man drückt seinem Partner einen Stift in die Hand und lässt ihn „Ich liebe Dich“ schreiben. Sind die Punkte über dem i nach rechts verrutscht, ist der Schreiber angeblich seitensprunggefährdet. Wer’s glaubt. Verlässlichere Indizien sind: Wenn sich der Partner auf Myspace als Single ausgibt. Wenn er in deiner Gegenwart eine SMS bekommt und sie nicht gleich liest. Wenn er zum Sigur-Rós-Konzert will und nicht fragt, ob du mitkommst. Ganz verdächtig: Wenn er anfängt, sonderbare Fragen zu stellen. Zum Beispiel „Meinst du, man kann mehr als eine Person gleichzeitig lieben?“ So war es bei Nadja und Erik, nachdem Nadja etwas mit seinem besten Freund angefangen hatte. Das war die dümmste Idee ihres Lebens, sagt sie, und sie hatte immerhin schon Ärger, weil sie nachts Smileys in Polizeiautolack geritzt hatte. Jetzt sitzt sie im Graefekiez in ihrer Wohnung und kramt Eriks Foto raus und erzählt was von wegen Zeitzurückdrehen. Obwohl der Sex mit dem anderen Typen schon gut gewesen sei. Weil der sie eben richtig gewollt hätte. Nicht so wie Erik, für den nach dem 600. Beischlaf bloß der 601. kam. Die beiden wollten ihre Beziehung retten und haben viel geredet und Erik hat Rachesex probiert. Half aber nichts, weil sich das Quitt-sein-Gefühl nicht einstellte. Susanna und Marcel, die beiden mit dem Rosen-Code, telefonieren wieder miteinander. Susanna hat eine Therapie angefangen, denn sie hat die Vermutung, dass bei ihr vielleicht etwas nicht stimmt. Wahrscheinlich ist sie aber leider ganz
normal.

http://magazin.zitty.de/18493/seitensprung.html

Eine Antwort zu “Fremdgehen? Machen doch eh alle…”

  1. marc sagte

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    Gruss
    Marc

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